Früher war alles besser – oder?

Ein alter Spruch – zugegeben. Aber immer wieder gerne genommen. Und wenn ich das als Kind von meinen Eltern hoerte, dann kam mir gleich in den Kopf „Wir leben aber heute!“ Heute… heute ist aber auch einiges besser als früher. Und wo merkt man das besser, als in der Fotografie? Was haben wir früher Zeit gebraucht, bis ein Bild endlich beim Empfänger war. Da war zunächst die Auswahl des geeigneten Formats. Kleinbild? Mittelformat? Oder gar Gro√üformat? Dazu musste der richtige Film ausgesucht werden. Will der Kunde Farbe oder Schwarzweiss? Oder gar eine Diavorlage? Eventuell sogar einen Spezialfilm, wie Infrarot?

Bei der eigentlichen Aufnahme ging man aber dann wieder ähnlich vor, wie heute auch. Kamera aufstellen, einrichten, belichten. Ist der Film voll, wechseln. (Letzteres kann einem aber auch heute mit dem groe√ütem Speicherchip passieren.)

Aber dann… Filme sortieren, eintüten und ins Labor senden. Wenn es mehrere Filme sind, daran denken, niemals die ganze Marge in einer Versandtüte absenden. Oder auch nicht alle Filme gleichzeitig im Labor / beim Händler abgeben. So hat man zumindest noch einige Bilder zur Auswahl, sollte mal eine Sendung verloren gehen oder durch einen Produktionsfehler zerstoert werden, das vermindert immerhin die Gefahr, dass man ploetzlich ohne Bilder da steht. Auf alle Fälle war man auf fremde Leute angewiesen, denen man seine Arbeit anvertrauen musste.

Besser dran waren da die Fotografen, die ihr Material selbst entwickeln konnten. Dazu benoetigte man aber ein eigenes Labor und auch das entsprechende Wissen über die Arbeitsabläufe. Und nicht jeder konnte sich ein eigenes Labor leisten. Ein Amateur schon gar nicht. Und Farbe erst recht nicht – viel zu kompliziert, hiess es. (Ich lass das mal lieber so stehen.)

Auf alle Fälle brauchte man viel Zeit, bis die Filme entwickelt, an Hand der Kontaktabzüge ausgewählt und ausbelichtet vergroe√üert waren und den Auftraggeber erreichten.

Inzwischen hat die Chemie-Pantschrei aufgehoert und nur wenige Enthusiasten leisten sich den Luxus einer analogen Kamera mit eigenem Fotolabor. Und zugegeben: ich gehe auch zwischendurch gerne mal wieder im dunklen, meist eigenartig riechenden Fotolabor an die Arbeit. Es macht einfach Spass, wenn die alten Arbeitsabläufe nicht ganz in Vergessenheit geraten.

Heute schnappt man sich die digitale SLR, moeglichst mit hoher Pixelzahl – runterrechnen kann man immer – sucht Chips zusammen und los gehts. Dabei spielt es keine Rolle, wie man letztendlich aufnimmt. Es gibt schliesslich keinen Chip, der nur s/w-Bilder oder Dias aufnimmt. Man fotografiert in RAW und kann anschliessend am Rechner das Endprodukt erstellen. Der Computer übernimmt irgendwie Umwelt schonend (wenn man das mal nur auf die Chemie bezieht, die ja früher entsorgt werden musste) das Fotolabor, in dem es nicht mehr übel nach Essigsäure riecht – zumindest, wenn man jetzt keinen Putzteufel zu Hause hat – und kann, wenn man mal einen Fehler gemacht hat, einfach die Schritte rückgängig machen. √úberhaupt: ein Film, der versehentlich in der DuKa aus der Hand in den Alt-Chemie-Eimer fiel, war in der Regel hoffnunglos verloren. Diverse Rettungsprogramme koennen heute auch formatierte Datenträger restaurieren.

Groe√üter Nachteil der digitalen Fotografie ist gleichzeit der Segen und das Erfolgsgeheimnis: jeder kann es. Zumindest die Kamera in die Hand nehmen und auf den Ausloeser drücken. Das war aber früher analog auch schon so. Nur kamen zu mir in den Laden sehr oft Kunden, die sich den Film aus der Kamera rausnehmen („Habe ich total vergessen“) und anschliessend wieder einen neuen einlegen liessen („Wo sie schon mal dabei sind…“). Ich vermute, die meisten hatten Probleme, den Film rauszunehmen und einzulegen. Ein Chip ist da doch deutlich einfacher zu wechseln – wenn man es überhaupt braucht. Wann wird ein Chip schon mal voll? Und wenn man vom Fotografieren nach Hause kommt, dann werden die Bilder auf den Rechner geladen und der Chip ist wieder leer.

Und heute kostet auch Webspeicherplatz nichts. Schnell hochgeladen und die URL an alle Freunde geschickt. Das kann jeder und geht alles per Knopfdruck Mausklick. Das Web ist voll von solchen Bildern, die man der Welt eigentlich lieber nicht gezeigt hätte und die die Welt eigentlich auch gar nicht sehen will. Dazu kommt auch noch die Moeglichkeit, sich in Foren, wie der fotocommunity, mit seinen Bildern zu präsentieren und dort die geballte (Amateur-)Kompetez seine Bilder bewerten zu lassen. Ob man nun aber von Kommentaren, wie „Schoene Farben.“ oder „Toll gesehen.“ viel lernen kann, sei mal offen gelassen. Früher hat man seine Familie mit den gesammelten Werken bei einem Diaabend ‚erfreut‘ – die natürlich nur voll des Lobes waren. Man wollte den Gastgeber ja nicht verärgern.

Das „jeder kann es“ hatte aber auch zur Folge, dass z.B. viele Zeitungsredaktionen ihren Fotografen (die meistens sowieso nicht angestellt waren) kurzerhand kaum noch Aufträge zukommen liessen, weil ja der Redakteur – laut Meinung der Verleger – genausogut auf den Ausloeser einer eiligst angeschafften Kompakt-Digi drücken konnte. Qualität war da zweitrangig. Ebenso bei Immobilienmaklern oder Gebrauchtwagenhändlern. Da kommt es offensichtlich nur darauf an, schnell ein Bild online stellen zu koennen.

Aber mal zurück zum Vergleich „Früher – Heute“.
Zu analogen Zeiten bin ich als Sportfotograf einer kleinen Zeitung in Ostfriesland am Wochenende von Sportplatz zu Sportplatz gefahren, um meine Bilder zu machen. Je nach Entfernung zwischen den Spielorten konnte man recht stressfrei bis zu vier Spiele fotografieren, wenn diese zur gleichen Zeit angepfiffen wurden und sich bei der Anwesenheit des Fotografen auf dem Platz auch etwas auf dem Spielfeld abspielt. Und man musste zur Deadline in der Redaktion sein, um die Bilder fertig zu haben, bevor der Bericht fertig war, denn der Redakteur wollte ja schnell wissen, was er für ein Foto zur Verfügung hat.

Heute macht man seine Bilder digital, setzt sich kurz ans Notebook im Auto und schickt die fertigen Bilder per FTP oder eMail an die Redaktion, zusammen mit weiteren Informationen. Auftrag erledigt – ab zum nächsten. Der Wegfall der Zeit fressenden Arbeit im Labor sorgt dafür, dass man selbst auch mehr Zeit hat und entweder weitere Aufträge abarbeitet oder auch mal früher Heim zur Familie kommt.

Ich bin froh, dass ich heute digital arbeiten kann. Zugegeben, auch die Rechnerausstattung kostet Geld, aber die laufenden Kosten für Filme, Chemie, Entsorgung sind nahezu auf Null zurück gegangen. Ich kann heute meinen Auftraggebern viel schneller die Ergebnissse präsentieren und sogar online mit Ihnen gemeinsam auswählen. Da muss ich auch nicht erst von Hamburg nach München fahren, das digitale Zeitalter macht es moeglich.

So gesehen bin ich sehr froh, dass ich damals den Beruf des Fotografen von der Pike auf gelernt habe. Labor (s/w und Farbe), Studio und Verkauf, das alles durfte ich genissen. Und auch heute kann ich noch Bilder mit Eiwei√ülasurfarbe und anderen Hilfsmitteln per Hand retuschieren, Ausflecken und restaurieren. Der √úbergang zur digitalen Fotografie war bei mir fliessend und ich konnte mich zum Glück langsam und intensiv mit dieser Technik anfreunden. Insbesondere die Techniken in der Retusche und der Dunkelkammer sind wichtige Grundlagen gewesen, um das wichtigste Programm, den Photoshop, richtig anzuwenden.

Heute arbeite ich nur digital. Meine Ausrütung ist komplett auf ditital eingestellt und ich vermisse die Laborarbeit auch nicht mehr. Ich besitze zwar noch einige kleine analoge Kleinbildkameras, wie z.B. meine Rollei 35, die auch manchmal noch zum Einsatz kommen, aber nur, damit sie nicht ganz einrosten. Und manchmal begebe ich mich mit anderen analog interessierten ins Fotolabor und „pantsche“ etwas rum.

3 Gedanken zu „Früher war alles besser – oder?

  • 14. Februar 2010 um 23:38
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    Hachja, den Geruch des Fotolabors der Schule habe ich jetzt noch in der Nase, durfte ich vor 9 Jahren in einer AG ja noch lernen, wie man Fotos entwickelt. Da war aber auch nach 24 Ausloesungen Schluss.

    Jetzt habe ich 24 Fotos – je nach Motiv – innerhalb weniger Augenblicke geschossen, hundert weitere dürften noch folgen – je nach Speicherkarte.

    Ich bin froh, dass ich mich nur so nebenbei mit der analogen Fotografie auseinandersetzen musste und dass Fotografie immer noch eine Kunst für sich ist. Jeder kann sie betreiben, aber nur die Guten machen (meistens jedenfalls) die guten Fotos! 🙂

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  • 15. Februar 2010 um 00:09
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    Ich moechte behaupten, dass es gewisse Bereich im Leben gibt, da bin ich stockkonservativ 😉 Aber in der Fotografie moechte ich nicht unbedingt zurück gehen. Fotografieren habe ich bei meinem Vater gelernt, auch das Entwickeln von s/w-Filmen, mein alter Herr hatte da ein kleines Labor zu Hause eingerichtet.

    Was damals zumindest als Hobbyfotograf eine ganz andere Spannung erzeugt war das langsam sichtbar werdende Bild im Entwickerbad. Dann stoppen und fixieren. Vermutlich wird das für den damaligen Berufsfotografen eher notwendiges √úbel gewesen sein. Als Kind fand ich das damals unwahrscheinlich spannend.

    Weniger spannend fand ich, das unser damaliger Fotohändler einen Farbfilm von mir aus Paris verschlampt hat. Das wird heute etwas schwierig, wobei es immer noch das Risiko gibt, dass die Karte ploetzlich das zeitliche segnen koennte. Aber mal ehrlich, wie hoch ist das Risiko? Unter diesem Aspekt sind die Bilder heute doch etwas sicherer aufgehoben. Und auch kann ein Labor den Film heute nicht mehr ruinieren.

    Heute Bild zum Dienstleister hoch laden und ein paar Tage später hat man die Abzüge in der Post, so man nicht selbst drucken will.

    Technisch ist vieles einfacher geworden, damit einher gehend wurde es für den Berufsfotografen aber immer schwerer in der schieren Masse von Bildern ihrer Qualitätsprodukte zu verkaufen. Geiz ist geil. „Egon, mach doch mal schnell mit Deinem Handy von unserem neuen Produkt für unsere Webseite.“ Geiz scheint geil. Denn so langsam scheinen die Leute zu begreifen, dass ein schlechtes Foto nicht wirklich einladend ist und Kunden eher abschreckt. Geiz ist doch nicht so geil.

    Heute wie damals hatte alles seine Vor- und Nachteile. Klar ist aber eins, es gibt etwas, da kommen die heutigen DSLRs einfach nicht an ihre analogen Pendants heran. Meine alte F90x klingt beim Ausloesen einfach viel besser als meine D700 😉

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  • 3. März 2010 um 15:24
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    …schoener Artikel, und Du darfst auch nicht vergessen . früher gab es das Internet noch nicht, und die Moeglichkeit über dieses und andere Themen so für viele Menschen lesbar zu philosophieren.
    Die Zeit hat man dann eben in der Dunkelkammer verbracht 🙂

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